

War Jesus ein natürlicher Supermann, der unglaubliche Dinge tat, oder war er ein übernatürlicher Guru, der auch heute noch viele Menschen in seinen Bann zieht? Über keine Person wurde so viel geschrieben wie über Jesus, und keine Figur taucht so häufig und vielgestaltig in der bildenden Kunst auf. Angefangen von den Graffities in den Katakomben aus dem ersten Jahrhundert über Gemälde und Statuen, die Kirchen schmücken und Museen füllen, bis hin zu den Oberammergauer Passionsspielen und vielen Filmen ist Jesus auch auf diese Weise überall präsent.
Doch dicht daneben ist auch vorbei, denn die meisten Abhandlungen über Jesus ignorieren bewusst oder unbewusst, dass Jesus zuerst einmal Jude war und keine neue Religion stiften, sondern als Jude die Juden zu ihrem Gott hin reformieren wollte. Dass sich dieser Reformationsbewegung – die im Neuen Testament «Jesu Jüngerschaft» genannt wird – später auch Nichtjuden anschlossen, woraus die weltweite Kirche entstand, ist eine Untersuchung wert.
Zur Zeit Jesu und der Apostel gab es noch keine vom Judentum getrennte Kirche, sondern nur das gemeinsame Glaubensbekenntnis an den einzigen Gott, den die Juden Jahwe oder Jehova, genau JHWH, nennen. Als Jesus einmal gefragt wurde, wie man beten solle, wies er auf das «Schma Israel»-Gebet der Juden hin, in dem JHWH als der einzige Gott angebetet wird. So werden Juden und Christen von einer gemeinsamen Glaubenswurzel getragen.
Die ersten Christen versammelten sich täglich im Tempel. Sie trennten sich trotz ihres «Voll-Heiligen-Geistes- Sein» nicht vom Judentum und beobachteten weiter die jüdischen Gebote und Gebräuche. Im Laufe der Kirchengeschichte trennte sich jedoch die Kirche von ihrer jüdischen Herkunft, was so weit ging, dass viele Christen heute nicht mehr wissen, dass Jesus Jude war. Doch Friedrich Schillers Reim: «Es löst der Mensch nicht, was der Himmel bindet» gilt auch in unserem Fall, denn in unserer Zeit kommt wieder das zusammen, was zusammen gehört. Juden und Christen entdecken ihre gemeinsame Wurzel.
Nicht, was wir heute sind, sondern was wir gestern waren, werden wir morgen sein, d.h. Juden und Christen finden wieder zueinander. So, wie vor knapp 2000 Jahren die Juden unter alle Völker zerstreut wurden, kehren sie nun wieder nach Zion zurück, denn seit 1948 sind die Juden bereits aus über 140 Nationen nach Israel heimgekehrt. Genauso finden Juden und Christen wieder zusammen, was nicht nur ein ökumenisches Zwischenspiel sein, sondern Ewigkeitswert haben wird.
Die Bibel spricht viel in Bildern. So spricht sie z.B. davon, dass in der Ewigkeit Juden und Christen gemeinsam in einem Gemischten Chor singen werden: Die Christen singen zusammen mit den Juden das alttestamentliche «Lied des Moses» und die Juden singen zusammen mit den Christen das neutestamentliche «Lied des Lammes». Dazu werden Juden und Christen in ein und derselben himmlischen Stadt Jerusalem wohnen, denn ihre Tore tragen die Namen der zwölf Stämme Israels und ihre Grundsteine die Namen der zwölf Apostel des Lammes, d.h. durch diese Tore wird kein antisemitisch eingestellter Mensch gehen und in dieser Stadt wird kein antichristlich eingestellter Mensch Wohnrecht haben. Auch dieses Bild macht deutlich, dass Juden und Christen eine Einheit sind. Juden und Christen wurden wie Adam und Eva füreinander geschaffen, wurde doch laut Bibel Eva aus der Seite Adams erschaffen. Bevor Eva Gestalt annahm, fiel Adam in einen Tiefschlaf. Er wurde nicht getötet, sondern nur betäubt, denn Eva sollte Adam ja nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. So sollte auch die Kirche Israel nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Als Eva fertig war, wachte Adam aus seiner Betäubung auf, und beide erkannten, dass sie ein Fleisch und ein Gebein sind. Ohne diese Zusammengehörigkeit ist keine Fortpflanzung möglich. So ist eine Kirche nur dann eine in Wahrheit innerlich und äußerlich wachsende Kirche, wenn sie mit den Juden eins ist.
Manchen mögen solche Gedanken wirklichkeitsfremd vorkommen. Doch auch Gott kocht nur mit Wasser, d.h. alles ist ganz real nachvollziehbar. So wurde auch die biblische Verheißung, dass derselbe Gott, der die Juden unter alle Völker zerstreut hat, sie auch wieder nach Zion zurückbringt, eine politische Realität. Durch den Sieg der Römer im Jahre 70 n. Chr. wurden die Juden in alle Welt zerstreut. Und die von Herzl 1898 propagierte Idee eines Judenstaates führte zum Zionismus. Doch erst der Holocaust ließ aus der zionistischen Idee die tatsächliche Staatsgründung Israels werden. Simultan dazu wächst die Erkenntnis, dass Jesus Jude war und daher Juden und Christen von ein und derselben Wurzel leben.
Dazu setzte eine Wechselbeziehung ein. So wie die Christen allmählich erkennen, dass die Kirche in den jüdischen Glaubensbaum hineingepfropft worden ist, genauso vollzieht sich unter den Juden eine Bewegung hin zu Jesus, den sie als messianische Juden (früher nannte man sie Judenchristen) in biblischer Manier «Jeschua» nennen.
Selbst arabische Christen, die vom politischen Gesichtspunkt aus Israel ablehnen, müssen aus geistlicher Sicht den Judenstaat anerkennen, denn auch sie sind durch ihren Glauben an den Erlöser, den Juden Jesus, mit dem Judenstaat «verwandt», weil ihre komplette Glaubensbasis in der Bibel wurzelt, die aus jüdischen Schriften und Lehrsätzen besteht. Das gibt uns Hoffnung, dass wir wieder zu der friedevollen Einheit kommen werden, die am Anfang des Christentums zwischen Juden und Christen bestand, denn nicht, was wir heute sind, sondern was wir gestern waren, werden wir morgen sein.

IL-Jerusalem
wurde als Sohn jüdischer Eltern in Magdeburg geboren und zog mit seiner Frau Barbara 1964 nach Israel. Sie haben fünf Kinder und 19 Enkelkinder, die alle in Jerusalem leben. Er ist Journalist, war in den arabisch-israelischen Kriegen Kriegsberichterstatter und ist der Gründer der nai-Redaktion, die u.a. die Zeitschriften «israel heute» und «israel today» herausgibt. Sein Sohn Aviel hat nun die nai-Geschäftsführung übernommen. Ludwig Schneider schrieb die Bücher «100 Fragen an Israel», «Brennpunkt Jerusalem», «Schlüssel zur Thora», «77 Lebens-Puzzle».