

Ich möchte Sie, liebe Leser, einladen, mich in Gedanken auf eine Wiese zu begleiten. Es ist die Zeit nach dem zweiten Schnitt, wenn die Tage kürzer und die Schatten länger werden. Da beginnt die Zeit dieser seltsamen Blumen. Mattlila auf blattlosen Stielen leuchten sie aus dem noch satten Grün der Wiesen: die Herbstzeitlosen. Wie verirrte Krokusse aus entfernten Frühlingstagen – ein eigenartiger Anblick, da die Natur sich anschickt, aus dem vergangenen Blühen und Wachsen ein letztes Reifen werden zu lassen.
Es ist Herbst – Zeit des Vergehens. Für manche Menschen eine beklemmende Zeit, eine Parallele zum eigenen Leben. Auch da kommt die Zeit, wo das Blühen der Jugend vorbei ist und die Kraft des Körpers abnimmt wie die Sonne im Herbst. So wie erste Fröste einen grauen Schimmer auf die Landschaft zaubern, so schimmert es auch eines Tages durch manch braunes oder blondes Haar.
Selbst junge Leute werden sich in diesen Wochen der Vergänglichkeit bewusst. Auch das schönste Frühjahr und der heißeste Sommer vergehen. Dahinter aber taucht die bange Frage auf: Wann wird es Herbst in meinem Leben? Wann wird das sein – mit 50, 60 oder erst mit 70 Jahren? Unwiederbringlich Herbst des Lebens – ein Herbst, nach dem es auf ein letztes Silvester zugeht, nach dem kein neues Jahr mehr kommt!
Für viele Menschen sind solche Gedanken unerträglich. Nur nicht nachdenken müssen! Es gibt anderes zu tun! Und schon sieht man den eigenen Herbst vor lauter Hektik nicht mehr. So jagt man durch die Jahreszeiten seines Lebens und versucht krampfhaft, selbst aus dem Spätherbst noch einen Altweibersommer zu machen: künstliche Farben in Gesicht und Haar – mattlila rosa, fast wie die unzeitgemäßen Herbstzeitlosen. Sie täuschen einen falschen Frühling vor.
Das gilt nicht nur für die Weiblichkeit. Auch Männer jenseits ihrer besten Jahre versuchen sich wieder jugendlich zu geben: betont sportlich, eitel, und manche balzen um junge Mädchen herum wie der Auerhahn im Mai. «Sollen sie alle sehen, wie jung und stark ich noch bin!»
Seltsame Blüten treibt auch der menschliche Herbst. Dahinter aber steckt die Angst vor den bösen winterlichen Zeiten, vor dem Alter, dem Sterben, das unweigerlich auf uns zukommt und das selbst für die Kinder schon als Zukunft feststeht. Es ist, wie Eugen Roth dichtet:
«Die Menschen… lieben, hassen, hoffen, raufen, bis ihre Zeit auch abgelaufen. So geh’n wir, wär’n wir noch so munter, im Strom der Zeiten alle unter.»
Hier taucht für jeden denkenden Menschen wieder die alte Frage auf: Wozu das alles? Wofür lebe ich eigentlich die ganzen Jahreszeiten hindurch, wenn es doch nur auf dieses letzte, endgültige Sylvester zugeht?
Diese Herbstzeitlosen sind übrigens nicht nur merkwürdig, sie sind auch giftig und können für Mensch und Tier gefährlich werden. Ich denke dabei an das späte menschliche Blühenwollen, das auch gefährlich bittere Tropfen enthält. Wer in seinen späten Jahren nur noch rückwärts lebt, wer zur Unzeit blühen statt Frucht bringen will, wer nicht ja sagen kann zu der Zeit, in der er lebt, trägt tatsächlich ein Gift in sich, das sein tiefstes Wesen zersetzt und ihn an seiner eigentlichen Bestimmung vorbeileben lässt. Es könnte anders sein.
Da wäre zunächst die Tatsache zu akzeptieren, dass es auch für mein Leben einen Herbst gibt, der seine eigenen Gesetze in sich trägt. Es geht um das letzte Reifen, um die Früchte des Lebens, etwa um Einsicht, Weisheit, Verständnis, Gelassenheit, Abgeklärtheit und inneren Frieden. Solche Früchte sind für das eigene Leben ebenso wertvoll wie für die Umwelt, die – meist unbewusst – bei alten Leuten solche Werte sucht.
Nun hat die Pflanze, der wir in diesem Kapitel begegnen, neben ihren Eigenheiten auch noch einen hintergründigen Namen: Herbst-zeit-lose. Somit ist nicht nur ihr unzeitgemäßes Erscheinen, sondern auch ihre Bezeichnung ein Grund zu weiterem Nachdenken.
Als erstes steht da das Wort «Herbst»; das versteht jeder. Das zweite Wort heißt «Zeit». Eigentlich ein unheimliches Wort. Es zerläuft mir unter den Händen, wenn ich es fassen will. Es bleibt nicht in meinem Munde, wenn ich es ausspreche. Kein Augenblick – und sei er noch so schön – bleibt mir, es sei denn als Bild auf einem Foto – sicher ein Grund, warum das Fotografieren so beliebt ist. Man will damit den Augenblick festhalten.
Aber was ist Zeit nun wirklich? Was bedeutet die Zeit für mich und für mein Leben? Es gibt ein biblisches Wort, das die ganze Not des Menschen gegenüber seiner Zeit deutlich macht. Jesus sagt beim Anblick von Jerusalem, dieser uralten Stadt: «Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen.»1
Wie ein unergründliches Schicksal lastet auf der Menschheit die Hilflosigkeit gegenüber der rasch dahin eilenden Zeit. Wer kann sie ergründen? Wer erkennt schon das wirklich Heilsame seiner Zeit? Die Weltgeschichte, aber auch die täglichen Nachrichten, liefern uns den traurigen Beweis, wie Menschen immer wieder ihre Zeit falsch angewandt, versäumt oder ganz einfach vertan haben. Das Ergebnis ist dann Unheil statt Heil, Unfriede statt Friede, Ungerechtigkeit statt Gerechtigkeit. Man könnte diese Liste lange fortführen bis hin zu Schuld und Sünde statt Freude und Freiheit. Für manchen bleibt dann nur noch die nihilistische Einstellung, die ich als junger Mensch der Nachkriegszeit auch kannte: Es war die Tapferkeit vor dem Nichts, wie sie mir damals in einer solchen Geschichte wie «Der alte Mann und das Meer»2 vorbildlich erschienen ist. Das heißt praktisch: Einfach weitermachen, auch wenn alles sinnlos erscheint.
Und doch gibt es Menschen, denen man es abspürt, dass sie in der Nähe Gottes leben. Und wenn sie von ihrer Zeit sprechen, dann können sie sagen: «Was die Zeit auch bringen mag, es liegt in deiner Hand.» Sie haben eine – für mich einst unfassliche – Gewissheit, dass Gott da ist, so wie die Luft, auch wenn wir sie weder sehen noch anfassen können.
Als ich vor vielen Jahren noch solchen Menschen begegnete, war ich einerseits fasziniert von einem solchen festen Glauben. Andrerseits meinte ich: die machen es sich zu einfach. Aber dann berichteten sie, wie Gott nicht nur der ferne Schöpfer ist, sondern hineinwirkt in die Zeit, ja oft bis in die kleinsten Augenblicke. Auch die Bibel sagt ja, dass kein Spatz vom Dach fällt ohne Gottes Wissen, und alle Haare auf unserem Kopf sind von ihm gezählt. Und so hat er denn auch diese lila Blume auf die Herbstwiesen gesetzt. Da gibt es diesen geheimnisvoll funktionierenden Lauf der Jahreszeiten und eben auch diese dahin rinnende Zeit.
Nun bleibt aber noch ein hintergründiges Wort aus unserer Herbst-zeit-lose: Das Wort «lose». Ursprünglich wollte man damit wohl sagen, dass diese seltsame Pflanze los ist von den Gesetzen des frühjährlichen Blühens und dass sie eine eigene, spezielle Art hat.
Eben diese besondere Art finden wir auch bei einem Christen wieder. Er ist durch seine Hinwendung zu Jesus Christus und durch seine Vergebung los beziehungsweise frei geworden von so vielen Gebundenheiten in seinem Leben. Los auch von unguten religiösen Zwängen, die manch falsch verstandenes Christentum belasten, los von dem eisernen Gesetz des «Man muss, man muss!». Los von dem Genossen Trend, der jeweils das Denken und Handeln unserer Gesellschaft bestimmt, los von dem Muss des Lebensstandards, dem Muss der modernen sexuellen Normen auf Kosten der Liebe und Zärtlichkeit. Los von dem Muss, mit anderen im Betrieb gewisse krumme Touren mitzumachen, bis hin zum Muss des Trinkens und Rauchens. Los auch von so manchen grausamen Forderungen, die das Leben belasten und bedrängen, los auch von bösen Bindungen an die Vergangenheit, von tief sitzendem Groll gegenüber Menschen, von der drückenden Schuld eines Betrugs, Ehebruchs oder selbstverschuldeten schweren Verkehrsunfalls. Kurz: Es ist ein Prozess des Loswerdens von sich selbst.
Damit werden alte biblische Aussagen zur erfahrbaren Wirklichkeit. Da lesen wir z.B., dass Jesus gesandt ist, den Gefangenen zu verkünden, dass sie los, und den Zerschlagenen, dass sie frei und los sein sollen.3
Zu diesem Freiwerden gehört auch die Befreiung von der Angst vor dem eigenen Herbst und dem Sterben. Ich kann mich nun auch in den späten Jahren meines Lebens nach vorne ausrichten. Es kommt nicht das endgültige Silvester in Gestalt des Todes auf mich zu, sondern dahinter erscheint – wie in der Natur auch – ein neues Erwachen nach all dem vordergründigen Vergehen. Es wird allerdings alles anders sein: Ein neues Dasein in Gottes Herrlichkeit, in der es keine Tränen und kein Vergehen mehr geben wird.
Und was, so werden Sie vielleicht jetzt fragen, was brachte nun eigentlich die Begegnung mit unserer Herbstzeitlose? Bleibt sie nicht doch eine unzeitgemäße, giftige Blume in einer Zeit, die allein dem Reifen vorbehalten ist? Was ich damit sagen wollte: Achten Sie nicht nur auf das Vordergründige in unserer Welt! Ob das nun eine Spinne im Altweibersommer oder eine Herbstzeitlose ist – überall ist ein tiefer Hintergrund und letztlich ein weiser Schöpfer zu erkennen. Selbst das herbstliche Blühen ist so sinnvoll gestaltet, denn seine Früchte erscheinen im nächsten Frühjahr, wo es sonst keine Früchte gibt. Und das Gift dieser Pflanze ist nicht nur gefährlich und zerstörend; es hat auch große Bedeutung in der Medizin und Pflanzenzucht.
Hier ist zu erkennen, dass von Gott nichts sinnlos geschaffen ist. Auch der Herbst ist eine sinnvolle Zeit der Vorbereitung, und das in vielfältiger Weise: Es sollen die Früchte des Sommers zur Reife gelangen. Dazu gehören im übertragenen und geistlichen Sinn für den Herbst des menschlichen Lebens: «Liebe, Freude, Friede, Geduld, Güte, Treue, Sanftmut und die Kraft zum Verzicht»4 – alles Eigenschaften, die weithin zur Mangelware geworden sind. Hier wachsen sie – wenn die Verbindung zu Gott gegeben ist – wie von selbst. Und wie nötig brauchen wir diese gerade im Alter!
Eine der besten Früchte eines Christenlebens aber ist das immer tiefer sich gründende Vertrauen auf Gottes Führung im Leben. Es basiert auf seinen Verheißungen, die hinüberreichen bis zum Jenseits des «letzten Winters», des Todes. Dort erst werden die eigentlichen Früchte geerntet. Dieses Vertrauen wirkt wie ein Gegengift, gerade gegen die Nöte und Leiden, die das Altwerden mit sich bringen kann.
Eine Herbstzeitlose sagt mir bei ihrem späten Blühen nur: Da bin ich wieder, mattlila auf blattlosem Stiel – wie alle Jahre. Hintergründig kann ich aber dadurch erkennen: Herbst muss sein. Es ist der normale Ablauf in einem Jahr wie in einem Menschenleben. In der Zeit leben wir alle. Sie ist kurz und vergeht schnell. Aber los von der Zeit, frei von Ängsten und Gebundenheiten – das werden wir allein im Vertrauen auf Gottes Führung durch unser Leben.
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1 Psalm 31, Satz 16
2 Der alte Mann und das Meer Novelle von Ernest Hemingway
3 Lukas, Kapitel 4, Satz 18
4 Galater, Kapitel 5, Satz 22